Meine Woche: Aus dem Weg, Alte!

Warum sind manche Menschen nur so kinderfeindlich?

3.1 / 5 Sterne


Gestern Vormittag im Supermarkt. Ich stehe vor dem Regal mit den Zeitschriften, mein zwei Monate altes Baby im Tragetuch vor meinem Bauch. Da rammt mir plötzlich jemand von hinten einen Einkaufswagen in die Kniekehle. Geschoben wird er von einem mittelalten Typen mit langen, ungepflegten Haaren und einer sauertöpfischen Miene, die mir auch ohne Worte genau das sagt, was er sich gerade denkt: „Hau ab, Alte, du stehst mir im Weg.“ Ich bin kurz schockiert und mache dann einfach Platz, ohne was zu sagen. In solchen Momenten gehe ich gerne mal den Weg des geringsten Widerstandes.

Kurz darauf an der Kasse: Als ich meine Einkäufe einpacke, was etwas länger dauert, weil mir das Baby vor dem Bauch hängt und meine Bewegungsfreiheit eingeschränkt, höre ich ein Grummeln und Zischeln hinter mir und bemerke, dass der Kniekehlen-Rempler genau hinter mir in der Schlange steht. Diesmal missfällt ihm offenbar, dass ich noch nicht meinen ganzen Kram zusammengepackt habe, es geht im schlicht nicht schnell genug.

Ich höre so etwas wie „Jetzt auch noch langsam wie ne Schnecke“ und sehe rollende Augen. Jetzt würde ich gerne was sagen, nur leider fällt mir – wie immer in solchen Momenten – leider nichts Passendes und Schlagfertiges ein. Aber als ich draußen auf der Straße stehe, bin ich unglaublich wütend. Und ich bin ziemlich sicher, dass dieser Unsympath mich als Mutter verunglimpft hat. Den bösen Blicken nach, die er meinem Kind zugeworfen hat, ist das höchstwahrscheinlich keine Einbildung.

Kinder nerven! Tatsächlich?

Ich kenne Reaktionen wie diese und meistens kommen sie nicht offen. Niemand sagt dir ins Gesicht: „Jetzt hauen Sie mit ihren Blagen bloß ab!“. Stattdessen wird eben so hinterrücks gezischelt wie es der Supermarkt-Typ getan hat. Und versucht, mit bösen Blicken auf sich aufmerksam zu machen.

Das ärgert mich aus zweierlei Gründen: Zum einen hätte ich gerne, dass tatsächlich mal jemand offen dazu steht, dass ihn die Kinder nerven und sie uns zum Teufel wünschen. Zum anderen ist es immer wieder zum Heulen, wie kinderfeindlich unsere Gesellschaft allzu oft ist. Frei nach dem Motto: Kinder sollen bitte da sein, nur sie sollen nicht in Erscheinung treten und maximal auf dem Spielplatz anzutreffen sein. Bitte sehr nicht in der U-Bahn, im Restaurant, im Flugzeug und eben auch nicht im Supermarkt.

Dabei frage ich mich immer, wo das herrührt. Fühlt man sich in seiner Ruhe gestört? Menschen können jahrzehntelang in einer Stadt leben mit all ihrem Krach und ihrem Gestank – aber wenn man ein Kind mal laut durch die Gegend kräht, dann fühlt man sich gleich gestört? Dabei ist es doch eine solche Freude, Kindern zuzusehen. Einfach weil sie noch ohne allzu viele Zwänge leben (wenn man sie lässt) und an so vielen Dingen ehrliche Freude haben.

Die Welt mit Kinderaugen sehen. Könnte helfen.

Ja, ich denke, das hätte ich dem Typ im Supermarkt gerne gesagt: Sei doch einfach mal wieder ein Kind. Zieh die Mundwinkel nach oben, lass zu, dass dir etwas Freude bereitet. Lass deine Augen blitzen und öffne sie für all das Schöne, das dich umgibt, das du aber schon längst nicht mehr siehst. Weil du immer denkst, dass alles zu eng, zu langsam und nicht angenehm genug für dich ist.

Vielleicht urteile ich jetzt vorschnell. Vielleicht hatte er nur einen schlechten Tag. Aber die Erfahrungen summieren sich eben auf und meine Antennen sind geschult dafür zu merken, wenn jemand explizit von den Kindern genervt ist.

Damit wir uns verstehen: Meine Kids sind nicht unerzogen. Sie sind manchmal ein wenig wild, haben eben viel Energie und die lassen sie raus. Mir ist das ehrlich gesagt lieber, sie sind so und keine verhuschten kleinen Wesen, die sich nichts zutrauen. Also lasse ich ihnen die Energie. Sollen die doch tuscheln und zischeln. Ich hab mir da ein dickes Fell zugelegt und denke mir: Wer so reagiert hat sonst auch wenig Spaß im Leben. Von wegen Karma und so.

Und wenn mir das nächste Mal wieder jemand in die Kniekehlen fährt? Vielleicht sage ich dann tatsächlich mal was. Und zwar was Nettes. Das Karma dankt.


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